Jörn: Im Sommer 2025 veröffentlichte die Europäische Chemikalienagentur ECHA ihren Entwurf zur PFAS-Regulierung. Dieser sieht ein weitreichendes Verbot aller PFAS-Stoffe vor, mit gravierenden Konsequenzen für zahlreiche Branchen. Während die Automobilbranche mit ihren Klimaanlagen einen Aufschub von zwölfeinhalb Jahren erhalten würde, bliebe die stationäre Kälte- und Wärmebranche ohne Übergangsfrist. Ein Totalverbot würde fast alle künstlichen Kältemittel erfassen. Als Reaktion beauftragte der Ausschuss für Industrieforschung und Energie der Europäischen Union eine umfassende PFAS-Analyse. Diese untersucht die wirtschaftlichen Folgen eines solchen PFAS-Verbots – und kommt zu anderen Schlussfolgerungen als der ursprüngliche Gesetzesentwurf.
Jörn: Die im Dezember 2025 veröffentlichte Analyse „Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS) und ihre Rolle als Wegbereiter für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie“, erstellt von der Fachabteilung für Transformation, Innovation und Gesundheit des Europäischen Parlaments, umfasst fast 200 Seiten und beziffert die wirtschaftlichen Folgen präzise: Allein im ersten Jahr entstünden laut der Untersuchung Kosten von mindestens 562,8 Milliarden Euro. In jedem Folgejahr kämen 72,8 Milliarden Euro hinzu. Insgesamt beträfe das PFAS-Verbot 39.000 Unternehmen und 2,9 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Analyse unterscheidet zwei Szenarien: RO1 – ein vollständiges Verbot – und RO2 – eine befristete Variante. Der Kostenunterschied liegt bei nur einer Milliarde Euro. Beide Optionen erweisen sich als nahezu gleich kostspielig.
Jörn: Eine zentrale Empfehlung lautet: keine Doppelregulierung. Die F-Gase-Verordnung regelt bereits den schrittweisen Ausstieg aus F-Gasen. Eine zusätzliche PFAS-Regulierung hält die Analyse für überflüssig. Die bestehende F-Gase-Verordnung bleibt aus dieser Sicht das regulierende Instrument. Von einem PFAS-Verbot sind aktuell die F-Gase R-125, R-134a und R-143a sowie die Hydrofluorolefine (HFOs) R-1234yf und R-1234ze betroffen. Besonders R-1234ze ist für viele Unternehmen ein wichtiges Kältemittel: Es vereint ein niedriges Treibhauspotenzial (Low-GWP) mit hoher Effizienz. Ein Verbot würde hocheffiziente ölfreie Kältemaschinen erheblich einschränken.
Jörn: R-1234ze enthält geringe TFA-Anteile, also Trifluoressigsäure, die je nach Definition zu den PFAS-Stoffen zählen. Die PFAS-Analyse der EU empfiehlt, zunächst genauer zu untersuchen: Welche Auswirkungen hat TFA auf den menschlichen Körper? Diese Prüfungen stehen bislang aus. Daher rät die Studie zu einer differenzierteren Betrachtung, bevor pauschale PFAS-Verbote greifen. Nach der F-Gase-Verordnung bleibt R-1234ze auch nach 2050 verfügbar. Orientiert sich die PFAS-Gesetzgebung an den Empfehlungen der EU-Analyse, ändert sich für unsere Kundinnen und Kunden nichts: Dieses hocheffiziente Kältemittel bleibt verfügbar.
Jörn: Die Analyse zeigt: Ein Ersatz von PFAS in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Verteidigung und Halbleiterindustrie scheitert derzeit an fehlenden Alternativen. Besonders gravierend trifft es die Halbleiterindustrie: Moderne Technologien, digitale Dienste und künstliche Intelligenz hängen vollständig von Halbleitern ab. Ohne diese kommt die digitale Wirtschaft Europas zum Erliegen. Auch der Sektor für grüne Energie – inklusive Kälte- und Klimatechnik, Wärmepumpen und umweltfreundlichen Technologien – umfasst weitreichende PFAS-Anwendungen. Die Möglichkeiten, PFAS zu ersetzen, variieren je nach Anwendung erheblich.
Jörn: ENGIE Refrigeration verbindet hohe Effizienz mit Klimaschutz und niedrigem Energieverbrauch. Natürliche Kältemittel funktionieren in zahlreichen Anwendungen hervorragend, wir führen mehrere davon in unserem Portfolio. Doch nicht überall erweisen sie sich als die optimale Lösung. Daher setzen wir uns dafür ein, dass Kältemittel wie R-1234ze als sichere und hocheffiziente Alternative bestehen bleiben. Die PFAS-Analyse der EU unterstreicht die komplexen Zielkonflikte zwischen Umweltschutz, industrieller Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Innovation. Wir setzen darauf, dass die Politik diese fundierte PFAS-Analyse berücksichtigt und differenzierte Entscheidungen trifft. Sollte die Politik anders entscheiden, steht ENGIE Refrigeration mit alternativen Lösungen bereit – denn unser Portfolio umfasst sowohl synthetische als auch natürliche Kältemittel.
Jörn: Branchenkreise erwarten Ende 2026 eine Entscheidung. Aktuell untersuchen zwei Teams PFAS: Die SEA (Socio-Economic Analysis) analysiert die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen; das sind die Ergebnisse, über die wir gesprochen haben. Parallel prüft das RAC (Risk Assessment Committee) die Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit. Beide Ergebnisse fließen in die Entscheidungsfindung ein. Einige Positionen zeichnen sich ab: Skiwachs lässt sich durch PFAS-freie Alternativen ersetzen, der internationale Skisport hat diesen Schritt bereits vollzogen. Beispielsweise bei Displays und in der Halbleiterindustrie hingegen fehlen noch geeignete Alternativen. Ein generelles PFAS-Verbot erweist sich daher als nicht umsetzbar. Für unsere Branche fiele der ursprüngliche Gesetzesentwurf ungünstig aus. Die EU-Analyse setzt dem fundierte Argumente entgegen. Diese Fakten kommunizieren wir.
Jörn: Viele Kundinnen und Kunden kennen den Gesetzesentwurf und stellen mir und meinen Kolleginnen und Kollegen Fragen. Uns bei ENGIE Refrigeration ist es wichtig, die EU-Analyse ins Bewusstsein zu rücken und zu zeigen: Fachleute haben fast 200 Seiten fundiert analysiert. F-Gase lassen sich nicht pauschal verbieten – auch nicht in der Kälte- und Wärmebranche. Unsere Botschaft ist klar: ENGIE Refrigeration setzt sich für zukunftsfähige, effiziente Lösungen ein. Folgt die Politik den Empfehlungen der PFAS-Analyse der EU, bleibt R-1234ze verfügbar. Unsere Kundinnen und Kunden profitieren weiterhin von hoher Energieeffizienz und Betriebssicherheit.
Lieber Jörn, vielen Dank für die fundierten Einblicke in die PFAS-Regulierung und ihre Bedeutung für die Kälte- und Wärmebranche.