Die Industrie steht vor einer doppelten Herausforderung: Steigende Energiekosten, hohe CO₂-Abgaben und regulatorische Anforderungen auf der einen Seite treffen auf technisch anspruchsvolle Prozesse auf der anderen Seite. Gleichzeitig fließen zwei Drittel der industriellen Energie als ungenutzte Abwärme ins Nichts – während fossile Energie zu Milliardenkosten importiert wird. Andreas Kuhn, Key Account Manager Industrial & Commercial Heating bei ENGIE Refrigeration, erklärt im Interview, wie Großwärmepumpen zur Lösung dieses Dilemmas beitragen und die Energiewende der Industrie vorantreiben können.
Andreas: Die Zahlen sprechen für sich: Noch 86 Prozent der industriellen Prozesswärme in Deutschland basieren heute auf fossilen Energieträgern wie Gas, Kohle oder Mineralöl. Das ist nicht nur ein enormes Klimaproblem, sondern vor allem ein massives Produktionsrisiko für Unternehmen. Diese Abhängigkeit bedeutet Unsicherheit bei den Energiepreisen, steigende CO₂-Kosten und wachsenden regulatorischen Druck. Gleichzeitig wissen wir, dass zwei Drittel des gesamten industriellen Energiebedarfs auf Prozesswärme entfallen – und dass ein Großteil der dabei entstehenden Abwärme ungenutzt an die Umwelt abgegeben wird. Bei ENGIE Refrigeration sprechen wir hier von einem verborgenen Schatz, den wir heben möchten. Insbesondere für Industrieunternehmen heißt das: Wer jetzt handelt und auf erneuerbare Wärmelösungen setzt, kann nicht nur Risiken entschärfen, sondern sich Wettbewerbsvorteile sichern.
Andreas: Wir haben ein breites Portfolio an industriellen Großwärmepumpen entwickelt, die vielfach und hoch zuverlässig bei unseren Kundinnen und Kunden in industriellen Anwendungen im Einsatz sind. Wir verfügen über verschiedene Technologien: Unsere thermeco2-Hochtemperatur-Wärmepumpen erreichen Nutztemperaturen bis 110 Grad Celsius und arbeiten mit dem natürlichen Kältemittel CO2. Die SPECTRUM Water Wärmepumpen liefern über 70 Grad Celsius mit ölfreier Technologie, während unsere QUANTUM mit Green Heat Recovery bei Nutztemperaturen bis zu 57 Grad Celsius performen. Für niedrigere Temperaturbereiche bis 50 Grad Celsius haben wir PENSUM Air Reversible Heat und AMONUM Water im Portfolio, die mit nachhaltigen beziehungsweise mit natürlichen Kältemitteln laufen. Alle industriellen Großwärmepumpen von ENGIE Refrigeration basieren auf ausgeklügelten Technologien, die sich in der Praxis seit Langem bewähren und die sich sinnvoll mit nachhaltigen Energiequellen kombinieren lassen.
Andreas: Die Energie liegt buchstäblich vor der Tür unserer Kundinnen und Kunden, sie müssen sie nur strategisch nutzen. Wir unterscheiden zwischen natürlichen Wärmequellen und industrieller Abwärme. Gewässer, Erdwärme oder die Umgebungsluft bieten uns kostenlose Energie aus der Natur und zahlen auf die Energiewende der Industrie ein. Gleichzeitig verschwenden viele Prozesse täglich wertvolle Wärme, ob in Rechenzentren, Trocknungsanlagen oder bei der Drucklufterzeugung. Unsere Großwärmepumpen sind darauf ausgelegt, diese Vielfalt effizient und sicher zu nutzen. Die Frage für Unternehmen ist nicht, ob sie eine Wärmequelle haben. Die Frage ist: Wann beginnen sie, diese strategisch einzusetzen?
Andreas: Selbstverständlich. Eines unserer aktuellen Projekte ist in der Chemie- und Pharmaindustrie angesiedelt, wo wir Erdwärme als strategische Energiequelle eingebunden haben. Hier hatten wir es mit einem saisonalen Bedarf zu tun: große Mengen Abwärme im Sommer, hoher Wärmebedarf im Winter. Als Lösung nutzten wir ein Geothermiefeld als riesigen thermischen Wasserspeicher. Im Sommer wird überschüssige Wärme in den Boden geladen, im Winter als Quelle für die Großwärmepumpen entladen. In das Geothermiefeld integrierten wir drei SPECTRUM Water Wärmepumpen, um sowohl den Heiz- als auch den Kühlbedarf zu decken. Dadurch profitiert unser Kunde von wichtigen Vorteilen: einer stabilen Versorgung, reduzierten Betriebskosten und einem klaren Nachhaltigkeitsvorsprung gegenüber dem Wettbewerb.
Andreas: In diesem Kontext möchte ich die Abwärmenutzung in einem großen Schweizer Schlachthof exemplarisch vorstellen. Hier haben wir drei thermeco2-Hochtemperatur-Großwärmepumpen installiert, die seit 2011 im Betrieb sind und Niedertemperaturabwärme aus der Kälteanlage, der Raumluft und der Drucklufterzeugung zurückgewinnen. Die Gesamtheizleistung liegt bei 801 Kilowatt, der COP bei 3,4. Das Besondere: Wir haben den Wärmebedarf aus der Dampferzeugung dank unserer Wärmelösung um 2.590 Megawattstunden pro Jahr reduziert im Vergleich zu herkömmlichen Methoden und sparen damit rund 510 Tonnen CO₂ jährlich ein – ohne die Betriebsabläufe zu stören oder hygienische Anforderungen zu gefährden.
Andreas: Hier kommt die EEW-Förderung ins Spiel, die ein echter Hebel für die Energiewende der Industrie ist. Es gibt zwei besonders relevante Module: Modul 2 fördert Prozesswärme aus erneuerbaren Quellen mit einem maximalen Fördersatz von bis zu 60 Prozent der Investitionsgesamtkosten. Wichtig ist, dass mindestens 50 Prozent für Prozesswärme genutzt werden. Modul 4 unterstützt die energie- und ressourcenbezogene Optimierung von Anlagen mit Fokus auf Dekarbonisierung. Hier sind bis zu 55 Prozent der Investitionsmehrkosten förderfähig, wenn mindestens 30 Prozent Treibhausgaseinsparungen erreicht werden. Diese Förderung macht viele Projekte nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich hoch attraktiv.
Andreas: Mein Rat ist klar: Warten Sie nicht länger. Die Technologie ist marktreif, die Förderung ist attraktiv, und die Risiken fossiler Energieträger steigen kontinuierlich. Beginnen Sie mit einer Analyse Ihrer Wärmequellen und -senken. Oft stellen Unternehmen fest, dass sie bereits über ideale Voraussetzungen verfügen – sei es durch Abwärme aus bestehenden Prozessen oder durch natürliche Quellen in der Umgebung. Unsere Expertinnen und Experten von ENGIE Refrigeration unterstützen Sie dabei, das optimale Konzept zu entwickeln und umzusetzen. Die Industrie braucht neue Wärmelösungen – und zwar schnell und skalierbar. Wer jetzt investiert, erlangt nicht nur Planungssicherheit, sondern sichert sich wichtige Wettbewerbsvorteile.